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Großlabor für urbane Mobilität

Smart City, Stadt 4.0, Seamless Transport Systems – an Visionen und Ansätzen mangelt es Stadtplanern und Verkehrsexperten nicht, um die Probleme der wachsenden Megacitys in den Griff zu bekommen. Singapur ist vielleicht das vielversprechendste Schaufenster: Der dicht besiedelte Inselstaat gilt seit einigen Jahren auch als Großlabor für urbane Mobilität. Und Schaeffler ist mittendrin.

von Oliver Jesgulke  Juli 2018

Die Megacitys von heute, morgen und übermorgen wachsen rasant. Der Trend ist ein globales Phänomen. Zugleich halten aber Infrastruktur und öffentliche Verkehrssysteme mit der Entwicklung kaum Schritt. Der Individualverkehr mit dem Auto nimmt dagegen weiter zu. In Asien ist das Dilemma am offensichtlichsten: Während man im 632 Meter hohen Shanghai Tower mit dem Fahrstuhl mit rund 70 km/h nach unten rauscht, schieben sich die Blechlawinen am Ausgang nur in Schrittgeschwindigkeit an einem vorbei. Im Hexenkessel von Jakarta ist dagegen das wendige Motorradtaxi heute teurer als ein normales Taxi, weil Autos im alltäglichen Chaos zweimal so lange zum Ziel brauchen. Und in aufstrebenden Zentren wie Manila, Karatschi oder Dhaka erinnern die Kreuzungen zu Stoßzeiten eher an Parkplätze.

 

Testfeld im Großmaßstab

 

Im Vergleich hat Singapur einen klaren Vorsprung. Der wirtschaftliche Musterknabe Asiens hat nicht nur die entsprechenden finanziellen Ressourcen, sondern von früh an Experten und führende Unternehmen für eine vorausschauende Verkehrsplanung um sich versammelt. Denn 5,6 Millionen Einwohner auf engstem Raum wollen rund um die Uhr in Bewegung bleiben. Das Ziel ist aber nicht die autogerechte Stadt, sondern ein stadtgerechter Nahverkehr. Die Behörden suchen nach Lösungen, um langfristig Straßen rückzubauen und zu renaturieren. So soll mehr Platz für Erholungsgebiete geschaffen werden. Die südostasiatische Metropole sieht sich beim Thema daher als Vorreiter und hat stadtweit verschiedene Testprojekte angestoßen: multimodale Mobilitäts-Apps, selbstfahrende Busse, die je nach Bedarf auf Mobility-on-Demand fahren, autonome Taxis sowie Minibus-Shuttles für Gewerbeparks und Touristenattraktionen.

120.000

Singapur-Dollar (rd. 76.000 Euro) kostet ein Toyota Corolla mit Zulassung in Singapur, viermal so viel wie in den USA.

 

Quelle: sgcarmart.com

90 Min.

soll der neue Schnellzug für die 350 km nach Kuala Lumpur brauchen, der 2026 in Betrieb gehen soll. Alan Chan Heng Loon, Chef der Land Transport Authority von Singapur, hält den Zug für das wichtigste interurbane Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts.

1.000

zusätzliche ÖPNV-Busse wurden zwischen 2012 und 2017 angeschafft. Insgesamt wurden 1 Mrd. Singapur-Dollar in das Bus Service Enhancement Programme (BSEP) inverstiert.

 

Quelle: Land Transport Authority Singapur

Bis 2030 soll Singapurs Metro-Netz von heute 200 auf 360 km anwachsen. 80 % aller Haushalte sollen dann in zehn Gehminuten eine Station erreichen können

„Die ganze Stadt ist ein lebendiges Großlabor“, schwärmt der dort lebende Schaeffler-Mitarbeiter Dr. Marcel Ph. Mayer. „Und die politischen Rahmenbedingungen vor Ort sind ideal, um unsere Technologien in realen Verkehrsverhältnissen zu testen. Es gibt hier wenige bürokratische Hürden, und Genehmigungsverfahren kommen in der Regel schnell zum Abschluss. Zudem stellt der Staat Fördergelder für in- und ausländische Unternehmen und Investoren bereit“, berichtet Mayer. Die Regierung sei darüber hinaus mit Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen eng vernetzt. Innovationen und neue Ideen würden bei den Entscheidungsträgern in den zuständigen Ministerien und Behörden auf offene Ohren stoßen. Seit Anfang 2017 baut der 39 Jahre alte Ingenieur den Schaeffler Hub for ­Advanced Research – kurz SHARE – an der Nanyang Technological University (NTU) sowie das Research ­Centre for Micro Mobility mit aktuell 15 Wissenschaftlern und Ingenieuren auf.

 

Hand in Hand mit der Wissenschaft

 

„SHARE at NTU“ ist Teil des globalen Innovationsnetzwerks von Schaeffler im Rahmen der Schaeffler-Strategie „Mobilität für morgen“. Der Ansatz verfolgt das „Company on Campus“-Konzept, das sich bereits in der Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institut für Technologie, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und seit Kurzem mit der Southwest Jiaotong University im chinesischen Chengdu bewährt hat: Schaeff­ler-Mitarbeiter in der Region arbeiten Hand in Hand mit Wissenschaftlern und Studierenden zusammen. Eine multinationale Truppe aus Indonesien, Malaysia, China, Indien und eben Deutschland kümmert sich in Singapur unter der Ägide von Mayer um Fragen städtischer Mobilität, die in neue Dienstleistungen bzw. Produkte münden soll.

 

Wo Autofahren Luxus ist

 

Dr. Marcel Ph. Mayer lebt seit Anfang 2017 in Singapur. Einen Pkw fährt er nicht – aus gutem Grund: In dem nur 719 Quadratkilometer großen Stadtstaat ist Autofahren Luxus. Hohe Maut- und Parkgebühren sowie eine amtlich limitierte Kauferlaubnis haben das Auto in den vergangenen Jahren immer weiter verteuert. Derzeit fahren etwa 575.000 private Fahrzeuge auf dem rund 3.300 Kilometer umfassenden Straßennetz, das zwölf Prozent der Landfläche einnimmt. Zuletzt stieg der Bestand jährlich um gerade mal 0,25 bis 0,5 Prozent. Seit Februar 2018 lässt Singapur keine neuen Autos mehr zu. Künftig gibt es nur noch dann die Zulassung, wenn zuvor ein anderer Wagen abgemeldet wurde und das Zertifikat mit einer Gültigkeit von zehn Jahren erneut auf den Markt kommt. Der Preis wird durch eine Versteigerung ermittelt. Zuletzt lag er bei umgerechnet etwa 33.000 Euro – so viel wie ein Neuwagen der Mittelklasse.

Singapurs Rahmenbedingungen sind ideal, um unsere Technologien für urbane Mobilität in realen Verkehrsverhältnissen zu testen

Schaeffler-Mitarbeiter Dr. Marcel Ph. Mayer

Partner vor Ort

 

Andreas Schick (links), damals Schaeffler-Regional-Vorstand Asien/Pazifik, heute Produktionsvorstand, initiierte die Kooperation mit der Nanyang Technological University (NTU) in Singapur. Zusammen mit Technologievorstand Prof. Peter Gutzmer, Prof. Lam Khin Yong, NTU-Forschungsdirektor, und Prof. Yoon Soon Fatt, Leiter des NTU-Lehrstuhls für Elektrik und Elektronik, wurde die Partnerschaft besiegelt. Das Forschungsbudget (etwa 3,2 Mio. Euro für die nächsten drei Jahre) soll die Entwicklung von Fahrzeugen und Systemen für urbanen Verkehr beschleunigen.

Vorfahrt für Bus und Bahn

 

Doch im Maßhalten sind Singapurs Bürger geübt. Man hat gelernt, für das Allgemeinwohl auf manche individuelle Freiheit zu verzichten. Staatsräson steht dabei an oberster Stelle – eines der ungeschriebenen Gesetze im Gesellschaftsvertrag des Inselstaates und gleichzeitig die Basis für die rasante wirtschaftliche Entwicklung des Landes seit dessen Unabhängigkeit von Malaysia im Jahr 1965. Im Gegenzug erwarten die Singapurer Fortschritt und Effizienz für ihren Alltag. Dafür steht der städtische ÖPNV. Seit Jahren wird das Bus- und Bahnnetz für Milliarden von Euro stetig erweitert und ist eines der zuverlässigsten ÖPNV-Netze der Welt. Mayer fährt wie der Großteil der Bevölkerung per Metro. Er pendelt zwischen seiner Wohnung, seinem Büro und der NTU. „Alle drei bis vier Minuten hält ein Zug und die Wegeplanung läuft bequem über eine App und in Echtzeit. Zudem ist das Ganze extrem preiswert.“ Ein On-Demand-Service bei Bussen und autonom fahrende People Mover für den Weg von der Haustür zur Bahnstation sollen die Attraktivität des ÖPNV weiter steigern, so Ngien Hoon Ping, Geschäftsführer von Singapurs Verkehrsbehörde Land Transport Authority.

 

Tummelplatz für die Mobilitätsavantgarde

 

Die Gegebenheiten vor Ort haben längst OEMs wie Peugeot, BMW und Daimler auf den Plan gerufen. Die Google-Mutter Alphabet ist vertreten. Und mittendrin agiert der heimische Fahrdienstvermittler Grab, der sich Anfang des Jahres die südostasiatischen Geschäfte des Konkurrenten Uber einverleibte. Daneben tummeln sich zahlreiche Start-ups wie nuTonomy, das Software für Robotertaxis entwickelt. Scania von Volkswagen Truck & Bus entwickelt und erprobt im Auftrag des singapurischen Verkehrsministeriums Platooning-Lösungen für die Häfen. Eine autonom fahrende Lkw-Kolonne soll künftig zwischen zwei Terminals Container transportieren. Auch das junge Unternehmen Floatility aus Hamburg ist präsent. Weil den Gründern der heimische Markt bislang weitgehend verschlossen blieb, wich der Hersteller für kleine E-Tretroller nach Singapur aus, wo er seine elektrischen Miniscooter im Sharing-Dienst anbietet.

3,1

Mio. Passagierfahrten werden täglich über das Metro-Netz abgewickelt.

 

Quelle: Land Transport Authority Singapur

Elektrische Leichtfahrzeuge boomen

 

Solche Personal Mobility Devices – kurz PMD – sind überall im Straßenbild zu sehen. Zu der Gattung gehören auch Kleinstelektrofahrzeuge wie E-Longboards oder fahrbare Transportplattformen. Die „letzte Meile“, also Wege, die sonst zu Fuß gemacht werden müssten, lassen sich mit ihnen viel schneller und bequemer zurücklegen. Mit den PMDs werden auch Lebensmittel und Speisen über Lieferdienste wie Uber Eats, Foodpanda oder McDelivery direkt nach Hause gebracht. In Deutschland sind die leichten Elektromobile allerdings, bis auf wenige Ausnahmen, verboten. Schaeff­ler selbst testet in Singapur eine Entwicklung aus diesem Bereich: das erstmals auf der CES 2017 in Las Vegas präsentierte E-Board. Das Gefährt auf vier Rollen ähnelt einem Skateboard. Es verfügt über einen Akku, der Elektromotoren an der Hinterachse mit Energie versorgt. Gesteuert wird das E-Board über einen flexiblen Lenkstick. Unter Alltagsbedingungen werden nun Antriebsstrang und Bremsen weiter optimiert.

 

Den Verkehr sicherer gestalten

 

Darüber hinaus wird auf dem zwei Hektar großen Testgelände der NTU für vernetzte Fahrzeuge an dem Zusammenspiel der leichten Elektrofahrzeuge und anderer Verkehrsteilnehmer geforscht. „Elektroroller sind schnell und haben ein hohes Gefahrenpotenzial“, erklärt Mayer. Immer wieder kommt es in Singapur zu Kollisionen und schweren Unfällen mit Autos. Die Behörden reagieren zwar mit empfindlichen Strafen für Missachtung der Straßenverkehrsordnung, doch das löst nicht die eigentliche Ursache. Das Transportministerium unterstützt daher die Forschung von Schaeffler, um den Straßenverkehr sicherer zu gestalten.

 

Per V(ehicle)2X-Kommunikation sollen die wendigen Fahrzeuge künftig direkt mit ihrem Umfeld kommunizieren und auf den Navigationsdisplays von Autos erscheinen. In automatisierten Systemen könnte dann ohne Zutun des Fahrers beispielsweise eine Notbremsung ausgelöst werden, wenn ein für den Fahrer und das Radar des Wagens unsichtbares E-Leichtfahrzeug hinter einem Haus angeschossen kommt. „Um alle Eventualitäten von Verkehrssituationen zu bewältigen, sind gut trainierte Systeme notwendig. Mit unserer Forschungsarbeit wollen wir den Blick um die Ecke ermöglichen“, so Marcel Mayer, der noch bis mindestens 2020 für Schaeffler Pionierarbeit in Singapur leisten wird. Eins hält er jedoch für sicher: „Das Auto ist kein Problem der Stadt von morgen, es wird ein Teil der Lösung sein.“

Singapur will eine fahrradfreundliche Stadt werden. Bis 2030 soll das Wegenetz auf 700 Kilometer anwachsen

Der Autor

ÖPNV, Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer und Lieferverkehr – Autor Oliver ­Jesgulke kennt den täglichen Verkehrswahnsinn Berlins nur zu gut. Gespannt hat er daher nach Singapur geschaut, wie in dem kleinen Inselstaat auf engstem Raum Mobilität nachhaltig gestaltet wird und sich der Individualverkehr dazu dem Allgemeinwohl immer mehr unterordnet.

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Fotos Getty (2), Bernard Teo (3), Schaeffler, privat

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Großlabor für urbane Mobilität

Singapurs Rahmenbedingungen sind ideal, um unsere Technologien für urbane Mobilität in realen Verkehrsverhältnissen zu testen

Schaeffler-Mitarbeiter Dr. Marcel Ph. Mayer

3,1

Mio. Passagierfahrten werden täglich über das Metro-Netz abgewickelt.

 

Quelle: Land Transport Authority Singapur

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