Wer fährt den Zug von morgen?

Von Björn Carstens (mit Material des DLR)
Kein Mensch mehr im Führerstand – stattdessen steuern Kameras, Sensoren und KI Züge durch den Bahnverkehr. Was heute schon funktioniert, welche Weichen noch gestellt werden müssen und warum der Weg zu flächendeckend eingesetzten vollautomatischen Zügen trotzdem noch lang ist – „tomorrow“ gibt einen Überblick.
© PolonioVideo/iStock

Ein Zug rauscht mit 200 km/h über die Gleise, wenige hundert Meter weiter versperrt ein Liegenbleiber an einem Bahnübergang die Strecke. Für einen Lokführer heißt das: erkennen, bewerten, reagieren – innerhalb von Sekundenbruchteilen. Ein automatisierter Zug muss dieselbe Situation meistern. Nur dass anstelle des Menschen Sensoren und Software entscheiden.

Züge ohne Lokführer sind keine Neuentwicklung. Bereits 1983 ging im nordfranzösischen Lille eine völlig autonome U-Bahn in den Regelbetrieb – immerhin vor mehr als vier Jahrzehnten. Auch in Städten wie Dubai, Paris, Singapur, Kopenhagen oder Nürnberg sind Züge innerstädtisch vollautomatisch unterwegs. In Australien fährt ein Güterzug ohne Menschen im Führerstand Tausende Tonnen Eisenerz von A nach B. Allerdings eint diese Beispiele alle das gleiche Prinzip: Sie funktionieren in abgeschlossenen Netzen und nicht im regulären, frei zugänglichen und hochkomplexen Bahnnetz, in dem unterschiedliche Zugtypen aufeinandertreffen und in dem sich die Umgebung niemals vollständig kontrollieren lässt.

„Ein hoch- oder vollautomatisiert fahrender Zug muss seine Umgebung eigenständig und zuverlässig erfassen und sicher reagieren können – etwa auf eine Person im Gleis, einen umgestürzten Baum oder eben auf ein am Bahnübergang liegengebliebenes Fahrzeug“, sagt Prof. Dr. Gert Bikker, Institutsdirektor Schienensystemtechnik am Institut für Verkehrssystemtechnik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Für Bikker ist automatisiertes Fahren deshalb weniger eine Frage des einzelnen Zuges als des gesamten Systems. Fahrzeug, Infrastruktur, Betrieb und Mensch müssen zusammenspielen. Die Technik dafür ist in vielen Bereichen bereits erstaunlich weit.

Hier fahren Züge bereits autonom
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    Vancouver, Kanada – SkyTrain
    Seit 1985
    Vancouver fährt seit fast vier Jahrzehnten mit fahrerlosen Zügen. TransLink bezeichnet SkyTrain als eines der ältesten und längsten vollständig automatisierten, fahrerlosen Schnellbahnsysteme der Welt. Die Expo und Millennium Line werden automatisiert betrieben. Die Züge nutzen einen sogenannten Linearinduktionsmotor zur Beschleunigung und zum Bremsen. Auf stark belasteten Abschnitten sind Zugabstände von etwa 120 Sekunden möglich. © Bombardier
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    Nürnberg, Deutschland – U2 und U3
    Seit 2008/2010
    Nürnberg war 2008 mit der U3 die erste vollautomatische U-Bahn Deutschlands. 2010 wurde auch die U2 vollständig auf fahrerlosen Betrieb umgestellt. Heute bedienen die beiden Linien zusammen 24 U-Bahnhöfe; die VAG gibt eine Pünktlichkeitsquote von mehr als 98 Prozent an. Besonders bemerkenswert: Während der Umstellung teilten sich fahrerlose und fahrergesteuerte Züge zeitweise dieselbe Strecke. Und: Stürzt am Bahnsteig ein Mensch oder ein Gegenstand auf die Gleise, wird der Zug sofort gestoppt. Spezielle Lichtschranken und Radarsysteme überprüfen den Raum direkt unter der Bahnsteigkante. Wird dieses Feld durchbrochen, leitet das System im Bruchteil einer Sekunde eine automatische Vollbremsung ein. © Instagram
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    Singapur – North East Line
    Seit 2003
    Die North East Line ist laut Singapurs Land Transport Authority die weltweit erste vollständig automatisierte unterirdische Heavy-Rail-Schnellbahn. Die Strecke ist 22 Kilometer lang und besitzt 17 Stationen. Singapur setzt inzwischen mehrere fahrerlose MRT-Linien ein. Auch die 39 Kilometer lange Circle mit 33 Stationen ist nach der Eröffnung des letzten Abschnitts im Juli 2026 vollständig automatisiert. © Calvon Teo/Wikicommons
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    Pilbara, Australien – Rio Tintos AutoHaul
    Seit 2018
    Ganz andere Dimensionen bietet Westaustralien. In der abgelegenen Pilbara-Region transportieren kilometerlange Güterzüge Eisenerz von den Minen im Landesinneren zu den Verladehäfen an der Küste. Der Bergbaukonzern Rio Tinto lässt einen großen Teil dieses Transports von seinem System AutoHaul steuern – ohne Lokführer im Führerstand. Die Dimensionen sind gewaltig: Rund 200 Lokomotiven verkehren auf einem mehr als 1.700 Kilometer langen Schienennetz, das 16 Minen mit vier Hafenanlagen verbindet. Eine durchschnittliche Hin- und Rückfahrt umfasst etwa 800 Kilometer und dauert einschließlich Beladung und Entladung rund 40 Stunden. Die Züge können dabei mehrere Hundert Wagen mitführen. Bei einer Fahrt im Juli 2018 transportierte ein autonom fahrender Zug beispielsweise rund 28.000 Tonnen Eisenerz über mehr als 280 Kilometer bis zum Hafen Cape Lambert. Gesteuert wird die Fahrt von einem Operations Centre in Perth, der Hauptstadt des Bundesstaats Western Australia – mehr als 1.500 Kilometer vom Einsatzgebiet entfernt. © Rio Tinto
Was sind die größten technologischen Herausforderungen?

Beschleunigen, bremsen, die Geschwindigkeit halten oder punktgenau anhalten – das können automatische Zugsysteme längst. Auch fahrerlose U-Bahnen erkennen ihre Umgebung und reagieren auf Hindernisse. Sie verkehren allerdings meist auf Strecken, deren Zugänge und Abläufe sich vergleichsweise gut kontrollieren lassen. Im offenen Bahnnetz ist die Aufgabe deutlich komplexer: Hier können zigtausende oftmals unvorhersehbare Szenarien auftreten.

Ein autonomer Zug muss deshalb nicht nur erkennen, was vor ihm liegt. Er muss mögliche Gefahren möglichst frühzeitig identifizieren, ihre Bedeutung einschätzen und daraus die richtige Reaktion ableiten. Dafür müssen Kameras und weitere Sensoren die Strecke und ihre Umgebung noch kontinuierlicher und noch detailreicher erfassen als in den abgeschlossenen Systemen – auch Wetter, Regen, Schnee, Nebel oder auch Gegenlicht spielen eine Rolle. Die Systeme müssen beispielsweise einen Menschen am Gleisrand von einer Person unterscheiden können, die sich tatsächlich in den Gefahrenbereich bewegt. Entscheidend ist, dass sie nicht erst reagieren, wenn ein Hindernis unmittelbar vor dem Zug auftaucht, sondern früh genug erkennen, ob eine Situation kritisch werden könnte. Denn bei einem schweren Zug, der mit hoher Geschwindigkeit unterwegs ist, kann der Bremsweg mehrere Hundert Meter betragen.

Wer fährt den Zug von morgen?
Damit ein Zug hoch- oder vollautomatisiert fahren kann, muss er seine Umgebung permanent erfassen und richtig interpretieren. Dafür kommen beispielsweise Kameras und weitere Sensoren zum Einsatz.
ATO fährt – RTO greift ein

In der Fachwelt begegnen einem bei dieser Diskussion zwei Abkürzungen besonders häufig: ATO und RTO. ATO steht für „Automatic Train Operation“, also den automatisierten Zugbetrieb. Dabei übernimmt die Technik Schritt für Schritt Aufgaben, die bislang beim Lokführer liegen. Je nach Automatisierungsgrad (Grades of Automation) kann das vom automatischen Anfahren und Bremsen bis zum vollständig fahrerlosen Betrieb reichen.

Grades of Automation – was ist das?

Ob Auto oder Zug: Autonomie kommt nicht auf einen Schlag. Beim Auto reichen die Stufen von Level 1 bis 5, bei der Bahn von GoA 1 bis GoA 4 – jeweils vom unterstützten bis zum vollständig automatisierten Fahren.

GoA 1 – Automatisierter Betrieb: Der Zug wird vom Triebfahrzeugführer gefahren; Systeme unterstützen ihn etwa beim Anfahren und Bremsen.

GoA 2 – Teilautomatisierter Betrieb: Das System übernimmt Anfahren, Fahren und Bremsen. Ein Triebfahrzeugführer bleibt im Führerstand und überwacht den Betrieb.                        

GoA 3 – Fahrerloser Betrieb: Der Zug fährt automatisch, ohne Triebfahrzeugführer im Führerstand. Personal bleibt jedoch an Bord und kann bei Störungen oder Notfällen eingreifen.

GoA 4 – Vollautomatischer Betrieb: Der Zug fährt vollständig autonom und ohne Personal an Bord, einschließlich Start, Fahrt, Bremsen und Türsteuerung.       

RTO geht einen anderen Weg. „Remote Train Operation“ bedeutet, dass der Mensch nicht mehr im Zug sitzen muss, sondern beispielsweise aus einem Kontrollzentrum heraus überwacht oder – je nach System – fernsteuert. Das kann besonders interessant werden, wenn ein automatisierter Zug mit einer Situation konfrontiert wird, die seine Systeme nicht sicher bewältigen können. Dann könnte die Kombination aus ATO und RTO zum entscheidenden Prinzip werden: Die Technik übernimmt den Normalbetrieb, der Mensch bleibt als Rückfallebene im System. Voraussetzung dafür sind vor allem leistungsfähige Rechner, zuverlässige Sensorik und eine stabile Breitband-Kommunikationsverbindung zwischen Zug und Leitstelle. RTO ist darüber hinaus auch für andere Anwendungen interessant – etwa beim Rangieren in Depots oder bei der Bereitstellung leerer Züge.

Wer fährt den Zug von morgen?
Der ferngesteuerte Betrieb von Zügen (Remote Train Operation) ist technologisch bereits möglich und rückt für den großflächigen Betrieb in greifbare Nähe. Ein wichtiges Erfolgskriterium für den Einsatz in der Praxis ist die Auslegung der Steuerzentrale. Das DLR erforscht den optimalen Aufbau eines Kontrollzentrums, um die Leistungsfähigkeit des Personals im Führerstand und in der Leitstelle zu steigern.© DLR

Welchen Beitrag leistet das DLR beim automatisierten Fahren auf der Schiene?

Dass automatisiertes Fahren beim DLR nicht nur auf dem Papier existiert, zeigt ein Blick nach Norddeutschland. Im Forschungsprojekt ARTE – „Automatisiert fahrende Regionalzüge in Niedersachsen“ – haben das DLR und der Zughersteller Alstom (auch Schaeffler hat eine strategische Partnerschaft mit Alstom) einen Regionalzug für den automatisierten Betrieb aufgerüstet. Das Besondere: Die Technik sollte mit der bestehenden Infrastruktur zurechtkommen. Statt die Strecke für den Versuch komplett umzubauen, mussten Kameras und Sensoren lernen, mit dem zurechtzukommen, was auch ein menschlicher Lokführer vor sich hat. Das Projekt lief von 2022 bis Ende 2024. Bei Testfahrten wiesen DLR und Alstom nach, dass optische Signale zuverlässig und sicher automatisch erkannt werden können.

Was nach einem überschaubaren technischen Detail klingt, ist für das autonome Fahren zentral: Ein Zug muss nicht nur wissen, wo er ist und wie schnell er fährt. Er muss seine Umgebung verstehen. Und genau das ist der Punkt, an dem aus automatisierter Zugsteuerung automatisiertes Fahren wird.

Wie schwierig diese Aufgabe ist, zeigt auch ein Blick in das RailSiTe-Labor des DLR in Braunschweig. RailSiTe steht für „Rail Simulation and Testing“ und bildet große Teile des Bahnsystems unter Laborbedingungen ab – von Stellwerk und Streckeninfrastruktur bis zur Schnittstelle zwischen Strecke und Zug. Dort lassen sich sicherheitskritische Systeme und Szenarien testen, die sich im laufenden Bahnverkehr nur mit großem Aufwand oder gar nicht reproduzieren lassen.

Wer fährt den Zug von morgen?
Das RailSiTe (Railway Simulation and Testing) ist das zentrale Simulations- und Testlabor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig, in dem die Technik und Sicherheit für den modernen Bahnverkehr geprüft wird.
© DLR

Institutsdirektor Bikker sagt: „Gerade bei den sogenannten Perzeptions-Systemen, also der technischen Umfelderfassung, spielt zunehmend künstliche Intelligenz eine Rolle. Das macht aber den Sicherheitsnachweis anspruchsvoll. Bei einem klassischen technischen Bauteil kann man dessen Verhalten vergleichsweise genau beschreiben und überprüfen. Bei komplexen sensor- und KI-basierten Systemen ist das schwieriger. Wir können nicht jede Situation, die auf einer Bahnstrecke auftreten könnte, einzeln im realen Betrieb testen. Deshalb forschen wir am DLR an neuen Prüfmethoden. Ein Ansatz ist das szenarienbasierte Testen. Dabei werden typische und besonders kritische Verkehrssituationen systematisch beschrieben, variiert und zunächst in Simulationen untersucht. So lässt sich wesentlich umfassender prüfen, ob ein System auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässig funktioniert. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine spätere Zulassung.“

Doch der Blick des DLR reicht über die Technik im Zug hinaus. Mit zunehmender Automatisierung verändert sich auch die Rolle des Menschen. Wie viele Züge kann ein Operator gleichzeitig überwachen? Welche Informationen braucht er dafür? Und wie muss sein Arbeitsplatz gestaltet sein, damit er in einer kritischen Situation schnell reagieren kann? In Braunschweig entsteht dafür derzeit ein Remote Operation Center. Dort soll erforscht werden, wie sich automatisierter und ferngesteuerter Bahnbetrieb künftig sicher miteinander verbinden lassen.

Wer fährt den Zug von morgen?
Prof. Dr. Gert Bikker, Institutsdirektor Schienensystemtechnik am Institut für Verkehrssystemtechnik des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

„Die Herausforderung besteht jetzt darin, ein Gesamtsystem zu gestalten, das unter realen Bedingungen zuverlässig funktioniert und zugelassen werden kann.“

Gleichzeitig eröffnet die Automatisierung neue Möglichkeiten für den Bahnbetrieb. Sie kann dazu beitragen, dem zunehmenden Fachkräftemangel beim Fahrpersonal zu begegnen und Züge flexibler und bedarfsgerechter einzusetzen. Besonders auf Nebenstrecken könnten kleinere, automatisierte Fahrzeuge künftig einen wirtschaftlichen Betrieb auch dort ermöglichen, wo konventionelle Angebote heute an personelle oder wirtschaftliche Grenzen stoßen. Genau solche neuartigen Schienenfahrzeuge und flexiblen Mobilitätsangebote untersucht das DLR.

Was fehlt noch, damit automatisiertes Fahren großflächig auf die Schiene kommt?

„Entscheidend ist jetzt, Technik, Betrieb und Regulierung zusammenzubringen“, sagt DLR-Experte Bikker. „Für höhere Automatisierungsgrade braucht es klare Anforderungen – etwa daran, was ein System zur Umfelderkennung leisten muss und wie dessen Sicherheit nachgewiesen werden kann. Dafür seien Testszenarien, standardisierte Prüfverfahren und klare Zulassungsprozesse notwendig.

Damit wird deutlich: Politik, Behörden, Forschung, Infrastrukturbetreiber und Industrie müssen gemeinsam klären, wie hoch- und vollautomatisierter Betrieb in das bestehende Bahnsystem integriert werden kann. „Generell ist das alles nicht allein eine technologische Frage“, sagt Bikker.