Kurs auf „einfach genial“!
© Nomade des Mers
März 2022

Kurs auf „einfach genial“!

Von Björn Carstens
Seine Mission treibt Reduktion auf die Spitze. Weltumsegler Corentin de Chatelperron sucht rund um den Globus die Meister des Lowtechs. Mit Erfindungen, die man selber leicht nachbauen kann, will der Ingenieur zeigen, dass ein autarkes und nachhaltiges Leben für jedermann möglich ist.

Sanft schaukelt der kirschrote Katamaran im tiefblauen Ozean. Hinter einer sich langsam lichtenden Nebelwand türmen sich die „Feuerberge“ der Kapverden auf, mächtige Felsmassive vulkanischen Ursprungs vor der Nordwestküste Afrikas. Corentin und seine Crew sind überwältigt – und gleichzeitig hundemüde. Die stürmische Überfahrt vom Senegal brachte sie an den Rand ihrer Kräfte. „Elend“ sei allen gewesen, erzählt der Segelabenteurer. Drei Tage auf hoher See, mit peitschender Gischt und extremem Wellengang. Und wofür das alles? Nur für den reinen Segelkick? Eben gerade nicht!

Kurs auf „einfach genial“!
Auf seinem ersten Schiff aus Harz und Jutefasern, der „Gold of Bengal“, machte der junge Ingenieur 2013 seine ersten Schritte in Sachen Autonomie auf dem Meer. Auf seiner Überfahrt von Bangladesch nach Malaysia hatte er Hühner, Kartoffelpflanzen, ein Windrad und einen Solarofen an Bord.© Interscoop/Arte/Laurent Sardi

Denn Skipper und Navigator ist Corentin de Chatelperron – ein Mann mit krausem Haar und herzlichem Lachen, der viel jünger wirkt, als er mit seinen 38 Jahren ist – erst an zweiter Stelle. Die primäre Leidenschaft des Ingenieurs gilt dem Tüfteln. Schon seit 2016 segelt er mit wechselnder Crew von Kontinent zu Kontinent, um Kurs auf einfachste Erfindungen zu nehmen, die die Armut in der Welt bekämpfen könnten, sofern sie denn nur bekannter wären. Corentin und seine gleichgesinnten Mitsegler haben eine Mission: Sie wollen technisch simple, aber gerade deswegen effiziente und nachhaltige Lösungen für ein autarkes Leben finden, ausprobieren, weiterentwickeln und verbreiten. „Es geht uns nicht darum, Neues zu erfinden, sondern bereits bewährte Lösungen zu dokumentieren und adaptieren“, sagt der Weltenbummler.

Der Solarwasserentsalzer

© Elaine Le Floch

Prinzip: Ein Stück Stoff wird in Meerwasser getränkt und zwischen zwei Rahmen eingeklemmt, die mit transparenten Planen bespannt sind. Zwei Reflektoren verstärken die Kraft der Sonne, das Wasser verdunstet und schlägt sich an der Plane nieder, das Salz bleibt im Stoff. Über einen Schlauch wird das Wasser in einem Behälter aufgefangen. Mit einem ein Quadratmeter großen Rahmen lassen sich täglich fünf Liter gewinnen.

Warum notwendig: 2,2 Milliarden Menschen weltweit haben laut Unicef keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. Rund 785 Millionen Menschen haben noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Trinkwasser.

Begegnung: Mehdi Berrada führt in Marokko ein Unternehmen, das sich um alternative Wasserressourcen kümmert. „Marroko ist das Königreich der Entsalzung. Bis 2030 soll die Wasserversorgung der gesamten Region Agadir auf diese Weise garantiert werden“, sagt Corentin de Chatelperron.

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Die Hydrokultur

© Élaine Le Floch

Prinzip: In einem sogenannten Hydroponiksystem, auf der „Nomade des Mers“ aus PVC-Rohren bestehend, wachsen Pflanzen in hängenden Gärten nicht in Erde, sondern in ganz wenig Substrat, das nur dazu dient, dass sie wurzeln können. Im Prinzip wachsen die Pflanzen, auf dem Schiff war es unter anderem Mangold, in nährstoffhaltigem Wasser. Die Vorteile: schnelleres Wachstum und ein um circa ein Drittel geringerer Wasserverbrauch. 100 Liter Wasser reichen laut de Chatelperron zur Produktion von einem Kilogramm Mangold aus.

Warum notwendig: Hydroponik macht Pflanzenanbau dort möglich, wo die Erde nicht dazu geeignet ist – ideal für den Anbau in Wüsten, in Städten oder eben auf den sehr trockenen Kapverdischen Inseln, wo die „Nomade des Mers“ haltmachte.

Begegnung: Thomas Blangille, der für „General Hydroponics“ arbeitet, einem Partnerunternehmen der Expedition, zeigte der Crew auf den Kapverden, wie man einen einfachen Biofilter baut, um zusammen mit Wurmkompost einen organischen Dünger für das Hydroponiksystem zu erzeugen.

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Mission: autarkes Leben an Land und auf hoher See

Lowtech heißen solche Lösungen, die leicht herzustellen und leicht zu reparieren sind. Auf der ganzen Welt spürt der „Überlebenstüftler“ mit seinem Team diese auf und testet sie. Jede seiner Entdeckungen stellt er auf seiner Online-Plattform www.lowtechlab.org für die Lowtech-Community bereit.

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Corentins Reiseverlauf vom Start 2016 in Frankreich. Erster Stopp: Nordafrika© Low Tech Lab

Corentins Hochseekatamaran Typ Kennex 445 namens „Nomade des Mers“ (französisch für „Meeresnomade“) ist selbst ein schwimmendes Labor, das Vorschiff ein Gewächshaus, in einem Käfig am Heck liefern vier Hühner Eier, eine der Kabinen beherbergt eine Insektenfarm, die die Crew mit den notwendigen Proteinen versorgt. "In Thailand haben wir dann jemanden kennengelernt, der uns beim Bau einer Minipilzzucht geholfen hat. Bis zu zwölf Kilogramm im Monat konnten wir ernten. Ich konnte es kaum erwarten, ein Omelett mit den Eiern unserer Hühner, mit Pilzen, Insekten... und ein klein wenig Rucola zu machen", erzählt der findige Ingenieur.

Die große Mission des Franzosen begann vor mehr als zehn Jahren auf einer Werft in Bangladesch, wo er auf die Idee kam, Jute und Harz als Basiswerkstoffe für Bootsrümpfe einzusetzen. Ein erstes Naturfaserboot entstand. Glasfaser ersetzte er durch Grashalme, eine natürliche lokale Ressource. Wenig später schwamm dann die „Gold of Bengal“, der Prototyp eines ausschließlich aus Jutefaserstoff gebauten Segelschiffs, und Corentin de Chatelperron begab sich mit ihr auf eine Expedition zurück nach Frankreich – immer auf der Suche nach dem Selbstversorger-Dasein. Im Glashaus unter Deck züchtete er Gemüse, die Sonne nutzte er als Energiespender. Aber es klappte lange nicht alles. "Meine Pflanzen verkümmerten. Und dann schleppte ich mir beim Holzsammeln auf einsamen Inseln Termiten ein, die meinen Bambusmast attackierten, er knickte beim ersten Sturm ab. Ich, der ich mich schon als modernen Robinson Crusoe gesehen hatte, fühlte mich bald wie ein Streuner der Meere", schildert Corentin die Anfänge. Mit diesen Erfahrungen aus der Kategorie "konstruktives Scheitern" ging es dann 2016 samt Crew an Bord des Katamarans weiter – diesmal allerdings gleich auf Weltreise.

Gewonnenes Wissen weiterverbreiten

Die Medienaufmerksamkeit war ihnen da längst sicher. In seiner französischen Heimat werden der Segler und seine Mitstreiter als Öko-Helden bejubelt. Mit Ausstellungen und Roadshows, mit Eventauftritten und enormer Medienpräsenz verbreiten sie ihre Ideen zu Klima- und Umweltschutz sowie zur Energiewende. Corentin de Chatelperron ist fasziniert von der Lowtech-Konstruktionsphilosphie und hat zahlreiche clevere Ideen an Bord des Expeditionsschiffes implementiert. So konnte sich die Crew beispielsweise einer speziellen Entsalzungsanlage für Meerwasser (siehe oben) bedienen, um Trinkwasser zu gewinnen, einen Solar-Ofen nutzen oder mithilfe eines selbstgebauten Windrades (siehe Beispiele) Energie gewinnen. Auch alternative Ernährungsformen probierten die jungen Entdecker aus, züchteten beispielsweise Algenkulturen zum Verzehr. Zahllose Zwischenstopps, Begegnungen, Abenteuer und Erfindungen liegen im Kielwasser der Crew.

Die Pflanzenkläranlage

Prinzip: Zwei Gruben werden ausgehoben, in die über ein Substrat aus Sand und Kies das zu klärende Grauwasser aus Küche und Bad (nicht das Schwarzwasser aus der Toilette) geleitet wird. Die Gruben sind zum Beispiel mit Schilfrohr bepflanzt und beherbergen natürlich vorhandene Mikroorganismen. Das Zusammenspiel dieser Organismen mit den Pflanzen macht den Abbau der Schadstoffe im Wasser möglich. Das System kommt ohne chemische Mittel aus.

Warum notwendig: Vielerorts werden Abwässer ungeklärt in Ökosysteme eingeleitet, in Indien sind es nur circa 30 Prozent der Abwässer, die geklärt werden. Das beeinträchtigt auch das Grundwasser. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO erklären sich weltweit 3,1 Prozent aller Todesfälle durch eine schlechte Wasserqualität sowie eine unzureichende Abwasserreinigung und Hygiene.

Begegnung: Ligy Philip ist Professorin an einer Universität im indischen Chennai und widmet sich der Erforschung von Lösungen zur Abwasserreinigung. Unter anderem hat sie einen einfachen, preiswerten Testkit erfunden, der kontaminiertes Wasser erkennt, und von dem schon mehr als 100.000 Inder profitiert haben.

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Die Plastikpyrolyse

© Gold of Bengal

Prinzip: Mit dieser Technik wird Plastik in Kraftstoff umgewandelt. Verschiedene erdölbasierte Kunststoffe werden in einem Gefäß auf mehr als 400 Grad erhitzt. Die entstehenden Gase dürfen nur über ein einziges Rohr im Deckel entweichen, welches das Gefäß mit zwei weiteren Behältern verbindet. Die Gase kühlen nach und nach ab und kondensieren im zweiten Behälter bei immer noch 300 Grad zu Diesel, im dritten Behälter bei 150 Grad zu Benzin. „Mithilfe dieses Systems kann man aus einem Kilogramm Plastik bis zu 800 Gramm Kraftstoff gewinnen“, sagt Corentin de Chatelperron. Nachteil: Es verbraucht viel Energie.

Warum notwendig: Diese Lowtech-Lösung scheint eine einfache Antwort auf eines der großen Probleme der Menschheit zu geben: die Umweltverschmutzung durch Plastik. In jeder Minute werden 18 Tonnen Plastik in den Ozean gespült.

Begegnung: Rohan Edirisooriya arbeitet als Wissenschaftler auf Sri Lanka, er möchte seinen Prototyp eines Plastikpyrolysators so optimieren, dass jeder Bewohner auch in den entlegensten Dörfern Plastikabfall in Kraftstoff umwandeln kann.

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Das gewonnene Wissen vermitteln sie weiter: durch ihr Vorbild, aber auch durch die Weitergabe von Tipps – nicht nur auf ihrer Reise, sondern im Zusammenschluss mit NGOs, die beispielsweise wiederum Flüchtlingscamps, Krisenregionen oder armen Gegenden damit Hilfe zur Selbsthilfe bieten.

Das 20-Watt-Windrad

© Nomade des Mers

Prinzip: Ausrangierte Elektrogeräte, bei denen meist nur eine Komponente defekt ist, lassen sich hervorragend ausschlachten. Ein alter Schrittmotor aus einem Drucker wird von vier aus einem PVC-Rohr ausgeschnittenen Rotorblättern angetrieben. Ein Schaltkreis dient dazu, den Strom am Motorausgang so zu modifizieren, dass er zum Aufladen eines Telefons oder für ein anderes Gerät am USB-Port verwendet werden kann.

Warum notwendig: Nach UN-Angaben haben weltweit fast 760 Millionen Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. Die „Nomade des Mers“ reiste in den Senegal, wo 40 Prozent der Bevölkerung ohne Strom auskommen müssen. Selbst 20 Watt können dort helfen, um zum Beispiel eine Lampe oder ein Telefon zu betreiben.

Begegnung: Abdoulaye Bouaré ist Elektroniker und Autodidakt. Er erweckt mit seiner eigenen Firma im Senegal alte Elektronikbauteile zu neuem Leben und stellt sein Wissen als Open-Source-Projekte für die Allgemeinheit zur Verfügung. Er sagt: „Wir müssen uns in Afrika von dem Problem Geld befreien, denn das fehlt hier.“

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Die Solartrocknung

© Gold of Bengal

Prinzip: Ein Solardörrer ist ein sehr simples Gerät, das aus einem Hitzekollektor und einem Bereich zur Trocknung von Nahrungsmitteln besteht. Die von der Sonne mithilfe eines schwarz gestrichenen Blechs erhitzte Luft zirkuliert in einer Säule mit Gitterrosten, auf denen dünne Obst- und Gemüsescheiben sowie Pilze liegen.

Warum notwendig: Die Sonnentrocknung ist eine Methode zur Langzeitkonservierung von Lebensmitteln, durch die die Nährwertqualität und der Vitamingehalt erhalten bleiben.

Begegnung: Kanut Sirowtot, ein passionierter Landwirt von der thailändischen Insel Phuket, kennt sich nicht nur mit Solardörrern aus, er züchtet auch Pilze im großen Stil. Lokale Bauern können ihre landwirtschaftlichen Abfälle verwenden, um Pilze, eines der Hauptnahrungsmittel auf Phuket, in sterilen Säckchen zu züchten, die Sirowtot zur Verfügung stellt. Stichwort Kreislaufwirtschaft: Im Schnitt verdienen die teilnehmenden Bauern auf die Art circa 100 Euro pro Monat zusätzlich – für örtliche Verhältnisse viel Geld.

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Im Sommer neigt sich die Forschungsreise nach mehr als fünf Jahren und mehr als 50 dokumentierten Lowtech-Lösungen erst einmal dem Ende entgegen. Das Team seines „Low Tech Labs“ verkündete, dass die „Nomade des Mers“ in diesem Jahr in ihren französischen Heimathafen Concarneau zurückkehren werde. Im Gepäck: ein riesiger Sack randvoll gefüllt mit Know-how, um die Armut in der Welt ein Stück weit bekämpfen zu können.

Mehr über Corentins Low-Tech-Abenteuer
Kurs auf „einfach genial“!

Das Buch zur Reise
"Sailing for Future – Mit Lowtech und Low-Budget um die Welt"

240 Seiten, 288 farbige Fotos, 24,90 €

Delius Klasing
ISBN-9783667118516

Der deutsch-französische TV-Sender arte hat Corentin de Chatelperron und seine Crew begleitet. Mehrere Folgen von „Mit Kompass und Köpfchen auf hoher See“ findet man in der Mediathek.

Unzählige DIY-Tipps gibt es auf dem YouTube-Kanal des Low-Tech-Labs zu sehen.