Software-Revolution auf Rädern
Die Autoindustrie steckt mitten in einem tiefgreifenden Wandel: Weg von starren mechanischen Systemen, hin zu digitalen, vernetzten Plattformen. In diesem Paradigmenwechsel nimmt Software eine zentrale Rolle ein. Funktionen, die früher mechanisch realisiert wurden, werden heute von Software gesteuert – von Antriebssteuerung über Sicherheitsfunktionen bis hin zur Personalisierung des Fahrerlebnisses.
Wie grundlegend dieser Wandel ist, zeigt der globale Markt: Dieser wächst für Software-Defined Vehicles (SDV) laut Future Market Insights in jedem Jahr um über 25 Prozent. Doch Software allein bewegt kein Fahrzeug. Erst im Zusammenspiel mit Mechanik, Elektronik und Energieeffizienz entfaltet sie ihre Wirkung. Genau hier setzt Schaeffler an: mit einem systemischen Ansatz, der softwaredefinierte Architekturen, elektrische Antriebe, intelligente Fahrwerkslösungen und hochintegrierte Module zusammenführt.
Auf der CES 2026 zeigt Schaeffler, wie sich Software, Fahrdynamik und Effizienz zu einer neuen Fahrzeuglogik verbinden. Von zentralen Steuerarchitekturen über Steer-by-Wire-Systeme bis hin zu magnetfreien Sensoren, kompakten Leistungselektronik-Modulen und intelligenten Batteriesystemen wird deutlich: Die Mobilität der Zukunft entsteht nicht allein aus Einzelinnovationen, sondern aus dem präzisen Zusammenspiel vieler Komponenten.
Was ist ein Software-Defined Vehicle?
Ein Software-Defined Vehicle (SDV) ist ein Fahrzeug, dessen Funktionen primär durch Software bestimmt werden – nicht durch fest verbaute Hardware.
Typische Merkmale
- Zentrale Rechner statt vieler Einzelsteuergeräte
- Over-the-Air-Updates für neue Funktionen
- Trennung von Hardware und Software
- Kontinuierliche Weiterentwicklung über den Lebenszyklus
Warum das wichtig ist
Fahrzeughersteller können ihre Modelle länger aktuell halten, Funktionen nachrüsten und neue Geschäftsmodelle entwickeln.
„Durch die Kombination unserer erweiterten Softwarefunktionen mit integrierten Bewegungs-, Energie- und Steuerungssystemen reduzieren wir die Komplexität von Fahrzeugarchitekturen und ermöglichen Echtzeitsteuerung.“
Jeff Hemphill, CTO Schaeffler Americas
Systemlösungen statt Einzelteile: Die neue Rolle von Schaeffler
Hardware fährt – Software entscheidet
Früher
- Funktionen waren fest an Bauteile gebunden
- Änderungen erforderten neue Hardware
- Innovationen kamen mit Modellzyklen
Heute
- Software steuert Fahrzeugfunktionen
- Updates erfolgen „over the air“
- Fahrzeuge entwickeln sich über Jahre weiter
Konsequenz
Das Auto wird zur Plattform – vergleichbar mit einem Smartphone auf Rädern.
Wenn Fahrzeuge digitaler werden, dann müssen auch ihre Architekturen digital denken. Statt Dutzender kleiner Steuergeräte gibt es zentrale Module, die flexible Funktionen bereitstellen und kontinuierlich weiterentwickelt werden können – ähnlich wie bei Smartphones.
Schaeffler hat in den vergangenen Jahren einen grundlegenden Wandel vollzogen: Vom klassischen Komponentenlieferanten hin zu einem System- und Lösungsanbieter. Ein Meilenstein war die Integration von Vitesco Technologies, deren Software- und Elektronikexpertise die Schaeffler-Kompetenzen in Elektrifizierung und Steuerung deutlich erweitert hat.
Das zeigt Schaeffler auf der CES
Elektrifizierung und E-Achsen
Ein zentrales Thema der Autoindustrie ist noch immer die Elektrifizierung des Antriebsstrangs: Schaeffler zeigt auf der CES 2026 modulare E-Achsantriebe wie den EMR4, die Motor, Leistungselektronik und Getriebe in einem kompakten System vereinen. Die modulare Architektur ermöglicht eine flexible Integration in verschiedenste Fahrzeugplattformen – von Kleinwagen bis SUV.
Technisch bedeutet das:
- Kompakte Bauweisen für hohe Leistungsdichte
- Modulare Konfigurationen je nach Anwendungsfall
- Varianten ohne seltene Erden, um Ressourcenabhängigkeiten zu reduzieren
- Integrierte Thermomanagementmodule für effizientes Temperaturhandling
Diese Eigenschaften sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit elektrischer Fahrzeuge – sie entscheiden über Kosten, Effizienz und Integrationstiefe.
Software- und Steuerarchitekturen
Software-Defined Vehicles brauchen ein digitales Nervensystem: eine elektrisch-elektronische Plattform (E/E), die Sensoren, Aktoren, Steuergeräte und Funktionen intelligent verbindet. Schaeffler entwickelt hierfür Master Control Units (MCU) und Zone Control Units (ZCU), die im Fahrzeugnetzwerk leistungsstarke Steuerungsfunktionen übernehmen.
Was bedeutet das? Stellen wir uns das Fahrzeug als ein Mini-Rechenzentrum auf Rädern vor:
• Sensoren sammeln Daten (z. B. Geschwindigkeit, Radposition, Energiefluss)
• Controller verarbeiten sie in Echtzeit
• Software-Funktionen reagieren entsprechend (z. B. Lenkhilfe, Energiemanagement, Fahrmodus-Anpassung)
So entsteht ein System, das nicht nur fährt, sondern den Zustand des Fahrzeugs aktiv steuert und auf neue Anforderungen reagiert – über Updates, neue Funktionen oder erweiterte Dienste.
Steer-by-Wire: Wenn Software das Lenkgefühl definiert
Die zunehmende Elektrifizierung des Fahrwerks ebnet den Weg für eine weitere Schlüsseltechnologie des softwaredefinierten Fahrzeugs: Steer-by-Wire. Die mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern entfällt, Steuerbefehle werden elektronisch übertragen und softwareseitig verarbeitet.
Schaeffler kombiniert hierfür Hand Wheel Actuators mit Force-Feedback-Systemen, die ein natürliches, adaptierbares Lenkgefühl erzeugen – unabhängig davon, ob das Fahrzeug manuell oder automatisiert bewegt wird. Das ermöglicht nicht nur neue Fahrmodi, sondern auch neue Innenraumkonzepte, etwa durch ein einfahrbares Lenkrad. Steer-by-Wire wird so zum Bindeglied zwischen Fahrwerk, Software und automatisiertem Fahren.
Fahrdynamik neu gedacht: Wenn Effizienz im Fahrwerk entsteht
Elektrische Reichweite wird oft auf Batteriekapazitäten oder Ladeleistungen reduziert. Doch ein erheblicher Teil der Effizienz moderner Fahrzeuge entsteht an einer anderen Stelle: im Fahrwerk. Jede eingesparte Reibung, jedes Kilogramm weniger und jede präziser gesteuerte Bewegung wirkt sich direkt auf Energieverbrauch, Stabilität und Kosten aus.
Schaeffler adressiert genau diesen Hebel mit einer Reihe von Chassis- und Vehicle-Dynamics-Technologien. Ihr gemeinsamer Nenner: Sie verbinden Sensorik, Aktorik und Software zu integrierten Systemen, die Effizienz nicht isoliert, sondern ganzheitlich verbessern.
Ein zentrales Beispiel ist der magnetfreie induktive Sensor für die Hinterradlenkung (iRWS). Er misst Winkel und Position der Hinterräder berührungslos über elektromagnetische Felder – präzise, robust und ohne den Einsatz seltener Erden. Die Daten fließen in Echtzeit in die Steuerung ein und ermöglichen eine situationsabhängige Ansteuerung der Hinterachse. Das Ergebnis: mehr Agilität bei niedrigen Geschwindigkeiten, höhere Stabilität bei hohem Tempo und zusätzliche Sicherheit in kritischen Fahrsituationen.
Gerade bei batterieelektrischen Fahrzeugen zeigt sich der Nutzen besonders deutlich. Lange Radstände, notwendig durch im Unterboden verbaute Batteriepacks, erschweren Wendigkeit und Manövrierbarkeit. Rear Wheel Steering wirkt diesem konstruktiven Nachteil gezielt entgegen – nicht als Komfortfunktion, sondern als funktionaler Beitrag zu Effizienz und Fahrbarkeit. Gleichzeitig profitieren auch Fahrzeuge mit anderen Antriebsarten von der verbesserten Spurtreue und dem stabileren Fahrverhalten.
Darüber hinaus verbessert die Hinterradlenkung nicht nur die Manövrierbarkeit im Stadtverkehr und erleichtert das Einparken, sondern erhöht auch die Stabilität bei Spurwechseln und höheren Geschwindigkeiten. Damit wird Rear Wheel Steering zu einem aktiven Sicherheits- und Komfortfaktor. Von diesen Effekten profitieren nicht nur batterieelektrische Fahrzeuge, sondern Fahrzeuge aller Antriebsarten – durch mehr Agilität, präziseres Fahrverhalten und ein insgesamt harmonischeres Fahrerlebnis.
Unsichtbare Schlüsseltechnologien: Aktoren, Getriebe und Lager
Neben Sensorik und Software sind es vor allem Aktoren und mechanische Kernkomponenten, die den Unterschied machen. Schaeffler zeigt hierfür bürstenlose Gleichstrommotoren (BLDC), die speziell für Lenk- und Fahrwerksanwendungen entwickelt wurden. Sie vereinen hohe Leistungsdichte, geringe Trägheit und funktionale Sicherheit in einem kompakten Bauraum. Dank ihrer Skalierbarkeit lassen sie sich nicht nur für Lenksysteme, sondern auch für weitere chassisnahe Funktionen einsetzen.
Ergänzt werden diese Lösungen durch Planetary Roller Gears – kompakte elektromechanische Aktuatoren, die hydraulische Systeme ersetzen können. Sie übertragen hohe Kräfte auf kleinstem Raum, sind präzise regelbar und reduzieren Systemkomplexität sowie Wartungsaufwand. Damit stehen sie exemplarisch für den Übergang von hydraulischen zu elektrifizierten, softwarefähig integrierten Systemen.
Auch bei etablierten Komponenten setzt Schaeffler neue Akzente. Optimierte Radlager und TriFinity™-Lager der dritten Generation erhöhen die Steifigkeit, reduzieren Reibung und ermöglichen eine präzisere Radführung – ohne zusätzlichen Bauraum. Für elektrische Antriebe bedeutet das: geringere Verluste, höhere Lebensdauer und ein direkter, wenn auch unsichtbarer Beitrag zur Energieeffizienz im Alltag.
Integrierte Module für elektrische und hybride Plattformen
Mit der Elektrifizierung moderner Fahrzeugarchitekturen wächst auch die Herausforderung, steigende Funktionsumfänge bei sinkendem Bauraum und Gewicht zu realisieren. Schaeffler begegnet dieser Komplexität mit hochintegrierten Systemlösungen.
Ein Beispiel ist die SuperBox 4-in-1, eine kompakte 800-Volt-Leistungselektronik, die Inverter, Onboard-Charger, Hochvolt-DC-Boost sowie Zusatzmodule für 12- und 48-Volt-Netze vereint. Durch diese Integration lassen sich Gewicht, Kosten und Systemkomplexität reduzieren, während gleichzeitig neue Funktionen wie V2X- und Smart-Grid-Anwendungen unterstützt werden.
Auch Batteriepacks versteht Schaeffler nicht als isolierte Energiespeicher, sondern als komplexe Systeme. Leichtbaugehäuse, fortschrittliche Thermomanagement-Konzepte und Sensorik zur Zustandsüberwachung sorgen dafür, dass Batterien effizient und sicher im optimalen Temperaturfenster arbeiten. Ergänzt wird dies durch softwarebasierte Algorithmen zur Überwachung von State of Charge (SoC) und State of Health (SoH), die Lade- und Entladeströme dynamisch anpassen und so Lebensdauer und Zuverlässigkeit erhöhen.
Software-Ökosysteme und -Services: Die neue Wertschöpfung
Ein oft unterschätzter Aspekt der SDV-Transformation ist das Software-Ökosystem selbst: Funktionen werden nicht nur im Fahrzeug bereitgestellt, sondern kontinuierlich weiterentwickelt – über Over-the-Air-Updates, neue Apps, personalisierte Profile oder Sicherheits- und Komfort-Dienste.
Schaeffler hat diesen Trend erkannt: Die eigene E/E-Plattform ist nicht nur Hardware, sondern ein Software-Framework, das skalierbar und erweiterbar ist. So können neue Geschäftsmodelle entstehen – von nachrüstbaren Funktionen bis hin zu datenbasierten Services über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus.
Warum das relevant ist – für Autobauer, die Industrie und uns alle
Die Mobilitätsschicht der Zukunft wird durch elektrische, vernetzte und softwaregesteuerte Systeme bestimmt. Für Fahrzeughersteller bedeutet das:
- Schnellere Entwicklungszyklen
- Konstante Funktionserweiterung
- Neue Einnahmequellen durch Services
Für die Industrie generell heißt es: Software wird zur strategischen Differenzierungsgröße. Nicht mehr allein die Mechanik definiert ein Produkt – sondern dessen digitale Intelligenz.
Für uns als Nutzer bedeutet das: Fahrzeuge, die mit der Zeit klüger werden. Updates, die neue Funktionen bringen. Systeme, die personalisiert werden können. Und eine Mobilität, die kontinuierlich verbessert wird – ohne Werkstattbesuch.
Blick nach vorn
Die Technologien, die Schaeffler auf der CES 2026 zeigt, sind keine isolierten Innovationen. Sie stehen für einen systemischen Ansatz, bei dem Fahrwerk, Antrieb, Elektronik und Software gemeinsam gedacht werden – als integrierte Plattform für die Mobilität von morgen.
Wer versteht, wie Software und Hardware zusammenspielen, hat eine klare Vorstellung davon, wie schnell Fortschritt entsteht. Und Schaeffler lotet genau diese Grenze des Möglichen aus – mit Lösungen, die nicht nur Technik, sondern Erfahrungen definieren.
Denn Mobilität verändert sich Schritt für Schritt – sie wird leiser, digitaler und stärker softwaregetrieben.
Dabei spielen neben Performance und Funktion auch Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz eine zentrale Rolle – etwa durch langlebige Komponenten, integrierte Systeme und den gezielten Verzicht auf kritische Materialien.